Liebeserklärung aus ungewöhnlicher Perspektive

März 28th, 2012

Stuckateur-Brigade, Foto: Erich Schutt, Bildband Domowina-Verlag40 Jahr lang hat der Fotograf Erich Schutt den Wandel der Niederlausitz begleitet. Jetzt versammelt ein Bildband aus dem Domowina-Verlag seine wichtigsten Arbeiten.

Was mag der Mann rechts mit der Brille für einen Witz erzählen? Die Pointe scheint auf jeden Fall zu stimmen, denn an Lippen des Stuckateurs in den weißen Arbeitshosen hängt die gesamte Brigade. Ein Lachen liegt den Männern im Gesicht. Ihre Fröhlichkeit steckt den Betrachter an. „Stuckateur-Brigade“ heißt das Bild aus dem Jahr 1968. Zu sehen ist es im Buch „Erich Schutt – Fotografien der Niederlausitz 1948 bis 1991“. Der Bildband erschien jetzt im Domowina-Verlag. Er reiht sich in die bereits erschienenen Publikationen des Bautzener Verlags zu den sorbisch/wendischen Fotografen Erich Rinka und Pawol Rota ein.

Erich Schutt gehörte zu den namhaften Bildjournalisten der DDR. Zwischen 1952 und 1994 arbeitete er bei der Lausitzer Rundschau als Pressefotograf und dokumentierte so über vier Jahrzehnte die Ereignisse und Veränderungen seiner Heimat, der Niederlausitz.

Die Fotografie entdeckte der Vetschauer bereits in Kindertagen. Kurz vor Kriegsende 1945 erwarb der damals 14-Jährige die erste Agfa-Box in seiner Heimatstadt, die ihm wenig später von der russischen Kommandantur wieder abgenommen wurde. Der private Besitz eines Fotoapparats war in der Sowjetischen Besatzungszone verboten. Seinen Traum vom Fotografieren zu leben, verfolgte der Junge trotzdem weiter.

Fotograf Erich Schutt im Tagebau Welzow-Süd, 2010, Foto : Jürgen MatschieNach Ende seiner Schulzeit bewarb er sich 1947 als Fachdrogist. Zur Ausbildung gehörte nicht nur das Verkaufen der Negativfilme, sondern auch die Arbeit im Fotolabor. Die ersten Bilder im Fotoband – die Auswahl der Schwarz-Weiß-Bilder traf behutsam der Bautzener Fotografiker Jürgen Matschie  – erzählen von dieser Zeit. Unverdrossen schaut der kleine Junge barfuß, in kurzen Hosen und mit einem knackig-gebackenen Brot unter dem Arm auf dem Foto mit dem Titel „Ein ganzes Brot“ (1948) in die Kamera.

Auch andere Bilder auf den folgenden Seiten strotzen vor Optimismus: die jungen Männer auf dem Weg zur Berufsschule, die Lehrling in der Spreewald-Drogerie und nicht zuletzt die drei kleinen Steppkes, die gerade ausgelassen Hand in Hand durch die Bahnhofstraße in Vetschau rennen. Ihr Frohsinn wirkt genauso ansteckend wie die gute Laune der Stuckateur-Brigade. Die Menschen, die so alltäglichen, scheinen Erich Schutt vom ersten Tag an fasziniert zu haben. Viele der Bilder im Buch wirken wie eine Liebeserklärung.

Das Gespür für seine Motive, seine Protagonisten, wächst mit den Jahren. Seine zentralen Sujets werden die Tagebaue und die Menschen, die die riesigen Maschinen bedienen – die fortschreitende Industrialisierung der Niederlausitz. Geschickt wählt er für diese Dokumentationen außergewöhnliche Blickwinkel. Beim „Kühlturmbauer“ ist er noch ein paar Sprossen weiter hinauf gestiegen, um die Mächtigkeit des Bauwerks gegenüber dem Arbeiter zu zeigen. Beim Foto „Reparatur“ steht er in der Ferne. Auch hier wirkt der Schlosser unheimlich klein gegenüber den gigantischen Braunkohle-Kolossen in der Grube.

Diese Fotografien rund um die Energieerzeugung sind die eine Seite. Erich Schutt hält aber auch die historischen Wurzeln seiner Heimat und  Spreewaldlandschaften fest. Er fotografiert eine „Geburtsfeier im Feldrain“ (1966), Frauen im „Frühgemüse“ (1965), eine „Postbotin“ (1965) im Spreewaldkahn und Frauen in sorbischer Tracht „Beim Dorffest in Burg“ (1965).

Sein „fotografisches Werk“, schreibt Kunsthistoriker Bernd Lindner im Bildband, „ist ein Produkt der DDR.“ Sie propagierte den Wechsel vom einstigen Agrarland Niederlausitz zum Energiebezirk Cottbus für die Republik. Natürlich spiegele sich dies in den Arbeiten des Pressefotografen wider. Bernd Lindner gilt als Kenner der DDR-Fotografie und ist am Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig für die Fotografie- und Kunstsammlung zuständig.

Die starken, authentischen Frauen nimmt Erich Schutt als Motive mit in den Tagebau. Er zeigt sie frohgestimmt beim „Schichtwechsel“ (1970), grüblerisch als „Sicherheitsposten der Gleisbaubrigade“ (1966) und  mit der Zigaretten in der Hand eine Runde Skat kloppend bei der „Fahrt zur Nachtschicht in den Tagebau“  (1972). Ein Mann darf sogar mitspielen. Am Zug aber ist eine seiner drei Mitspielerinnen mit den wollenen Kopftüchern.Bucheinband Bildband Erich Schutt, Domowina-Verlag

(Text: Miriam Schönbach)

Erich Schutt. Fotografien der Niederlausitz 1948–1991, herausgegeben von Jürgen Matschie, 160 S., Schwarz-Weiß-Fotografien, Hardcover, 978-3-7420-2214-1, 19,90 €
 
Hier können sie den Bildband bestellen:
Link zum Online-Shop des Domowina-Verlags

Kategorien: Domowina-Verlag

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RSS-Kommentare2 Kommentare

  1. FP

    Der Vollständigkeit und Fairness halber muss hier aber noch auf den grandiosen Bildband zur Ausstellung “Prjedy hač woteńdźeš” (Domowina-Verlag 2011) hingewiesen werden. Die Schau mit Fotografien von Maćij Bulank, Texten von Róža Domašcyna und Musik von Měrćin Wechlich war vergangenes Jahr im Sorbischen Museum zu sehen/hören. Dem Katalog liegt eine DVD bei, auf der man diese multimediale Inszenierung noch zu Hause nachvollziehen kann. Wirklich sehr gelungen! Für Kenner und Liebhaber der dokumentarischen Fotokunst spielen die genannten sorbischen Fotografen zweifellos in einer Liga mit Künstlern wie den Rössings, Roger Melis und anderen.

  2. admin

    Vielen Dank für den Hinweis, dem man nur zustimmen kann. Für alle, die sich für den sehens- und lesenswerten Band “Prjedy hač woteńdźeš • Bevor du gehst” interessieren, gibt es an dieser Stelle nähere Informationen: http://www.domowina-verlag.de/de/titel/462-prjedy-hac-wotendzes-bevor-du-gehst

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