Frischer Wind aus Tschechien

Februar 12th, 2012

Richard BiglVor sechs Monaten kam der Prager Richard Bígl von der Moldau an die Spree. Bei der sorbischen Monatszeitschrift Rozhlad fand der Großstädter seinen Traumberuf. Doch er sagt auch: „Die Sorben untereinander sind oft zu nachsichtig. Das gesunde Funktionieren einer Kultur braucht Kritik“.

Das Büro ist schmal. An den Wänden stehen Bücherregale. Darüber schlängeln sich lange Philodendron-Ranken mit Herzblättern an der Wand entlang. Unter dem Tisch warten die Winterstiefel. Richard Bígl nickt freundlich von seinem Schreibtisch vor dem Fenster. Darauf stapeln sich Manuskripte, Bücher und Papiere. Griffbereit liegt gleich ein Wörterbuch Obersorbisch-Deutsch. Der 38-Jährige beendet schnell das Telefonat und nimmt einen Schluck aus seiner Teetasse. Seine Füße stecken in Hausschuhen. „Das nächste Rozhlad-Heft muss nächste Woche in den Druck. Es ist noch viel zu tun“, sagt der Chefredakteur der sorbischen Kulturzeitschrift.

Im Gefolge der Raubritter

Richard Bígl nimmt seine Brille in die Hand und fährt sich durch den Bart. Der Prager kam vor einem halben Jahr von der Moldau an die Spree. Durch eine Anzeige erfuhr der promovierte Slawist von der Aufgabe im Domowina-Verlag in Bautzen und bewarb sich kurzentschlossen per E-Mail. Das Monatsheft kannte er aus Leser-Sicht, die Aufgabe traute er sich zu. Beim Bewerbungsgespräch glänzte er in sorbischer Konversation und bekam die Stelle. „Die Lausitz war für mich immer ein Land, das mich interessierte. Erst am Wochenende durfte ich beim Fastnachtsumzug in Jänschwalde dabei sein“, sagt er begeistert. Dann setzt er sich wieder die Brille auf. Es klopft an der Tür. Richard Bígl wechselt ein paar Worte in Sorbisch mit der Mitarbeiterin des Domowina-Verlags. Sie reicht ihm einen Leserbrief. Er wirft einen schnellen Blick hinein. „Es ist eine Kritik zum letzten Rozhlad-Heft. Das kommt gleich in die nächste Ausgabe“, sagt er und legt das Papier auf das dicke Obersorbisch-Deutsch-Wörterbuch.

Während des Sorabistik-Polonistik-Studiums an der Karls-Universität in Prag begann er, die Sprache der Nachbarn zu lernen. Das Interesse am Sorbischen weckte allerdings bereits in der Schulzeit ein Buch über die Raubritter im Lausitzer Gebirge. Damals ist Richard Bígl 14 Jahre alt, und die meisten seiner Freunde spielen lieber Fußball, Eishockey oder Gitarre. Er selbst wird erst mit 18 Jahren Akkordeon in einer Punkband spielen.

„In diesem Raubritter-Buch habe ich vom Sechsstädtebund gelesen. Diese beschriebenen Orte suchte ich mir aus einem Nachschlagewerk. Dort fand ich zum ersten Mal etwas über die Sorben“, erinnert sich der Wahl-Bautzener. Die kleinste slawische Minderheit lässt ihn fortan nicht mehr los, in den Frühlings- und Sommermonaten fährt er per Anhalter in die Lausitz, schaut den Osterreitern zu und lernt die Menschen vor Ort kennen. Von seinen Reisen schreibt er in der Monatszeitschrift „Česko-lužický věstník“. Dieses Journal gibt die Gesellschaft der Freunde der Lausitz in Tschechien heraus. Die Vereinigung gründete sich 1991 neu, nachdem sie durch die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg verboten wurde. Etwa 130 Mitglieder zählt die Gesellschaft heute.

Mehr Mut zur Kritik

In den vergangenen zwei Jahren gab der Tscheche bei genau dieser Monatszeitschrift über die Kultur und Geschichte der Lausitz den Ton an. „Doch davon leben kann man nicht“, sagt Richard Bígl schmunzelnd und holt die Brille wieder von seiner Nase. Stattdessen absolvierte er nach seinem Studium im Jahr 2000 mehrere berufliche Stationen.

Zuerst arbeitete er als Internetredakteur bei einer tschechischen Tageszeitung. Dann ging er als Bibliothekar in die Prager Nationalbibliothek und unterrichtete von 2006 bis 2007 Tschechisch an der Universität im bosnischen Banja Luca. Nebenbei schrieb er an seiner Promotion über Jurij Hawstyn Swetlik. Der katholische Geistliche übersetzte im Auftrag des Domstifts St. Petri in Bautzen bis 1707 das Alte und Neue Testament ins Sorbische.

Aber seine Traumarbeit fand er in all der Zeit in der großen Stadt Prag und in der weiten Welt nicht. Erst das Angebot in Bautzen zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht.

Hier in der Tuchmacherstraße in der dritten Etage im Domowina-Verlag lässt sich wunderbar das Interesse für die sorbische Sprache mit dem Faible für Geschichte und Gesellschaft verbinden. „Diese Arbeit bei Rozhlad ist für mich eine Chance und gleichzeitig eine Herausforderung“, sagt der Verlags-Mitarbeiter. Er schreibt selbst für die einzige sorbische Kulturzeitschrift Beiträge und Rezensionen, kümmert sich aber hauptsächlich um die Pflege der Autoren. Er möchte ein bisschen frischen Wind in die seit 1950 erscheinende Publikation bringen.

„Die Sorben untereinander sind oft zu nachsichtig. Das gesunde Funktionieren einer Kultur braucht auch Kritik“, sagt Richard Bígl. Seinen Vertrag hat er für die kommenden zwei Jahre unterschrieben. Im Moment sucht er nach einer kleinen Wohnung, und vielleicht bleibt nach der Einarbeitungszeit auch ein bisschen Muße, Stadt und Umgebung zu erkunden. Denn der Naturliebhaber und Radfahrer hat sich schon jetzt in die kleine Stadt an der Spree verliebt. Nur seine Freundin, die Familie und die Bücher in seiner Prager Wohngemeinschaft fehlen ihm zuweilen hier.

(Text: Miriam Schönbach)

Kategorien: Domowina-Verlag, Person

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