Ein Fluss, zwei Ufer

April 12th, 2012

“Tiger im Pyjama” heißt ein neuer Band aus dem Domowina-Verlag. Er versammelt Gedichte von Benedikt Dyrlich. Der Bautzener Lyriker publiziert seine Texte in Sorbisch und Deutsch. Dabei übersetzt er seine Gedichte nicht nur, sondern trägt sie auf die andere Seite des Stroms.

Der Mann trägt einzig Schuhe und Socken. Die Frau verschränkt nackt die Arme vor dem Bauch. Erst wenige Minuten ist ihre Lust alt, die Zebradecke liegt noch zu ihren Füssen auf dem Boden. Die Welt steht Kopf und doch sieht Glück irgendwie anders aus. „Schlafzimmer“ hat das bekannte Maler Georg Baselitz 2005 dieses Gemälde genannt – und wunderbar nimmt das Bild die facettenreiche Stimmung des neuen Gedichtbands „Der Tiger im Pyjama“/ „Tiger w nócnej košli“  von Benedict Dyrlich auf. Mal laut, mal leise spielt der sorbische Lyriker in diesen Buch mit der Vielfalt der Liebe, den Aufs und den Abs, dem eigenen Frühling und dem beginnenden Herbst.

Der Gedichtband aus dem Bautzener Domowina-Verlag versammelt Lyrik und Prosa auf Deutsch und Sorbisch aus den vergangenen 40 Jahren. „Ich konnte nie romantische Liebesbekenntnisse schreiben. Über die Jahre sind meine Texte ein wenig ruhiger worden und vielleicht nicht mehr ganz so hitzig wie am Anfang meines Schreibens“, sagt der 61-Jährige.

Schon früh interessiert sich der Junge aus Neudörfel für Literatur, liest Jakub Bart-Ćišinski und Handrij Zejler – bedeutende sorbische Dichter – ebenso wie Heine oder Goethe. Seine ersten Zeilen verfasst er mit 17 Jahren. Er wird ein Wanderer zwischen den Sprachwelten.

„Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mir das Sorbische und das Deutsche vermittelten. Dazu kam eine gute Lehrerin an der Räckelwitzer Grundschule, die uns Gedichte rezitieren ließ, auch wenn wir mal hängen blieben“, erinnert sich der langjährige Chefredakteur der sorbischen Abendzeitung „Serbske Nowiny“. Als Zögling des Bischöflichen Vorseminars in Schöneiche, wohin er mit 16 Jahren aus seiner Lausitzer Heimat in die Großstadt geht, spaziert er häufig Gedichte rezitierend durch den Garten der kirchlichen Lehranstalt. 1968 beginnt er in Erfurt das Studium der katholischen Theologie.

Benedikt DyrlichIn dieser Zeit stößt der Student zum Kreis junger Poeten um den sorbisch-deutschen Schriftsteller Kito Lorenc. „Dort liegen die Wurzeln meiner literarischen Tätigkeit“, sagt Benedikt Dyrlich. Während eines kurzen Intermezzos als Krankenpfleger in Karl-Marx-Stadt, im heutigen Chemnitz, erwirbt er 1973 in Abendkursen an der Volkshochschule nachträglich sein Abitur und wird dramaturgischer Mitarbeiter am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen. Zwei Jahre später erscheint im Domowina Verlag sein erster Gedichtband „Zelene hubki“ (Grüne Küsse). Im selben Jahr beginnt er, Theaterwissenschaften in Leipzig zu studieren. Benedikt Dyrlich kommt, obwohl er immer wieder das Weite sucht, zurück in seine Heimat. „Ich bin ein Vogel, der fliegen will, aber auch ein Baum, der wurzeln will. Und anderenorts hätte ich die sorbische Sprache nicht mehr sprechen können. So versuche ich auch in meinen Gedichten, die kleine Heimat mit der großen Welt zu verknüpfen“, sagt er.

Bekannt ist er nicht nur für seine Liebeslyrik, sondern auch für seine politischen Texte. In der Zeit der politischen Wende engagiert sich Dyrlich in der Sorbischen Volksversammlung, später in der neu gegründeten SPD. Im Herbst 1990 wird er für vier Jahre in den Sächsischen Landtag gewählt.

In seiner jüngsten Publikation trifft Heiter-Ironisches auf Nachdenklich-Melancholisches. „Die meisten Texte verfasse ich zuerst im Sorbischen. Dann versuche ich die Gedichte an das andere Ufer zu tragen. Die Ufer gleichen sich nicht. Ein Strom treibt dazwischen“, sagt Benedikt Dyrlich. Oft entstehen so zwei ganz unterschiedliche Texte. Schön ist es deshalb, wenn der Leser in beiden Sprachen auf die Suche nach den poetischen Bildern gehen kann.

Der Wechsel gelingt, aber die „sorbischen Temperaturen“ würden ihm besser gelingen, sagt der Autor. Für sorbische Liebes-Lyrik müsse er verschüttete Begriffe wieder ausgegraben, weil sie niemand mehr verwendet oder neue Sprachbilder finden. Einmal neu entdeckt, sollen diese nun aber nicht zwischen den Buchdeckeln mit Baselitz-Bild verschwinden. Nach dem Lyrikband träumt Benedict Dyrlich von einem „kleinen, flotten Liebesroman“.

Benedikt Dyrlich: Der Tiger im Pyjama/Tiger w nócnej košli Domowina-Verlag, Bautzen 2012; 172 S., Hardcover, Sprachen: obersorbisch, deutsch, 16,90 €
 

(Text: Miriam Schönbach, Fotos: Domowina-Verlag; Sorbischer Künstlerbund)

Buch bestellen: hier.

Kategorien: Domowina-Verlag

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Feed

http://sorbenland.info / Ein Fluss, zwei Ufer - sorbenland.info