Bückware auf Sorbisch

Juli 10th, 2013

Modelabel Serbski KonsumLässig trägt Steffi Hanusch den Beutel über ihrer Schulter. „PunkaHanka“ steht in großen, weißen Buchstaben auf der schwarzen Tasche. Über dem Schriftzug halten sich zwei Figuren an den Händen. Dem Mädchen stehen der kurze Rocke und die große Schleife auf dem Kopf gut. Dem Jungen stacheln die Haare zu Berge, die Füße stecken in Stiefel. „Eben Hanka mit einem Punker. Die Idee für die Zwei entstand in Anlehnung an die sorbische Version des Märchen ,Hänsel und Gretel‘“, sagt Stefan Hanusch und legt einen Arm um seine Frau. Auf der Bautzener Reichenstraße drehen sich die Passanten um und beobachten die Szene. Stolz lächeln die beiden Sorben. Wie ein Traum kommen ihnen die vergangenen Wochen mitunter vor.

Dabei beginnt alles ganz unspektakulär, still und leise entwirft der Grafiker vor drei Monaten das etwas andere sorbische Paar. Die Designerin verliebt sich sofort in das Duo, macht anhand der Vorlage eine Schablone und näht den ersten Beutel. An dieser Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein – und der Beutel einfach jeden Tag beim Bäcker seinen Zweck erfüllen.

Doch aus Spaß, vielleicht auch, weil sie an die Idee glaube, stellen Steffi und Stefan Hanusch ein Bild des Prototypens ins soziale Netzwerk Facebook – unter dem Namen „Serbski konsum“.  Das lustige Paar macht schnell die Runde und bald landen in Berlin die ersten Anfragen, wo man denn diese ungewöhnlichen Einkaufstaschen bekommen könnte. Die Resonanz überrascht die beiden. So schnell können sie gar nicht produzieren. Das ist Bückware auf Sorbisch. Steffi Hanusch holt aus ihrem schwarzen Beutel ein paar weitere Exemplare in rot, grün und blau hervor.

Jeder Farbe zeigt ein anderes Motiv. Immer wieder trifft man das sorbische Mädchen mit den stilisierten Flügeln der sorbischen Haube im Haar, aber auch die Großmutter in Tracht auf einer Schwalbe. „Das ist so ein Bild aus meiner Kindheit. Damals fuhren die Omas mit einer Sondergenehmigung mit ihren langen Röcken und den Schleifen an den Hauben auf diesen Rollern durch die sorbischen Dörfer“, sagt Stefan Hanusch. Der 37-Jährige ist in Panschwitz-Kuckau aufgewachsen. Seit 2002 lebt er mit seiner Frau in Berlin.

Dorthin kommen die Zwei über ein paar Umwege. Der selbstständige Grafiker träumt nach seinem Abitur an der Sorbischen Oberschule in Bautzen vom Studium auf der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. Stattdessen beginnt er 2000 nach einem kurzen Zwischenstopp an der TU Dresden eine Ausbildung zum Grafiker in Halle. Währenddessen bringt  Steffi Hanusch ihre Bäckerlehre in ihrem Heimatdorf Königswartha zu Ende. So richtig wohl fühlt sie sich aber nicht.

Also packt sie ihren Koffer und zieht zu ihrem Freund nach Halle in die Einraumwohnung. Die Enge stellt die Beziehung auf die Probe. Die gelernte Bäckerin beginnt eine Umschulung zur Verkäuferin für Kleidung. Dabei wächst das Interesse für Mode. Zuhause an der Nähmaschine ändert sie gekaufte Klamotten um. Ihren ersten Textilgestaltungskurs belegt sie jedoch erst an der Volkshochschule in Berlin. Für ihre Leidenschaft besorgt sie sich für 100 Euro bei einem türkischen Schneider im Wedding eine Industrienähmaschine.

Motive Serbski Konsum

Drei Jahre nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt beginnt sie 2005 eine vierjährige Ausbildung zur Modeschneiderin. „Ich habe diese unterschiedlichen Wege gebraucht, um das Richtige zu finden“, sagt Steffi Hanusch. Inzwischen arbeitet sie als selbstständige Modedesignerin, entwirft und schneidert selbstbewusst Kleider. Nebenbei denkt sie darüber nach, wie die sorbische Tracht für junge Leute alltagstauglich und tragbar werden könnte. „Wenn jeder nur etwas Kleines beiträgt, diese kleine Blume des Sorbischen zu erhalten, ist viel geschafft“, sagt sie. Ihr Mann nickt zustimment. Er illustriert unter anderem frei Bücher für den Domowina-Verlag und zeichnet für die sorbische Kinderzeitschrift  „Płomjo“ jeden Monat das Comic.

Als einen solchen kleinen Beitrag für das Sorbische sehen Steffi und Stefan Hanusch auch ihre Brötchenbeutel. „Wir raten allen, einmal der Lausitz den Rücken zu kehren. Ansonsten geht es den Leuten hier so wie dem Frosch im Wasserglas auf dem Herd. Er merkt nicht, dass es immer heißer wird und verbrennt“, sagt der Grafiker. Gemeinsam mit seiner Frau genießt er den Wechsel zwischen der Großstadt und der Heimat. Aller drei Wochen sind sie meist zu Hause oder bei Freunden. Danach freuen sich die „Überlebenskünstler“ aber wieder auf das „kreative Chaos“ Berlins.

Wie geht’s aber weiter mit der Brötchenbeutel-Erfolgsgeschichte? Die Tasche näht Steffi Hanusch nicht mehr selbst, sondern kauft fairgehandelte Rohlinge ein. In einer kleinen Siebdruckerei kommen die einzelnen Motive per Handarbeit auf die Beutel. Zu kaufen gibt es die Unikate im Internet und im Bautzener Geschäft „Kap:un“ auf der Goschwitzstraße.

Angebote von Serbski Konsum
im Online-Design-Shop etsy.com
bei Spreadshirt 

(Text: Miriam Schönbach, Foto: Robert Michalk)

Kategorien: Mode

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